1929 - C.F. Tietgen und die dänische Snurrewaden-Fischerei

1929 wird Bjørnsund als C. F. Tietgen (Bezeichnung E 312) bei Lauridsen & Jensens im dänischen Esbjerg als Gaffelketsch in Eiche auf Eiche gebaut. Über 40 Jahre lang bleibt sie im Besitz ihres ersten Eigners, der sie zur Snurrewaden- oder Wadenfischerei auf der Nordsee einsetzt.

 

Bjørnsund zählt zu den sogenannten Haikuttern, den  segelnden Fischkuttern Dänemarks, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erstmals zusätzlich mit einem Motor ausgestattet werden. Damit sind sie in Leistung und Wendigkeit den älteren, zumeist einmastigen Fischerbooten überlegen, die sich allein auf die Kraft ihrer Segel verlassen müssen. Entsprechend erfolgreicher sind ihre Fänge, daher der Name „Haikutter“ - gefräßig wie Haie.

 


Das Fischen mit der sog. Snurrewade, einem dem Grundschleppnetz ähnelnden Trichternetz, wurde in Dänemark entwickelt und insbesondere an der dänischen Westküste beim Fang auf Dorsch, Schellfisch und Plattfisch eingesetzt.

 

Zunächst wird ein Anker mit Boje, an der einer der beiden Vorläuferleinen befestigt ist, ausgesetzt. Von diesem Anker aus werden vom Schiff oder einem zweiten kleineren Schiff Vorläufer und Wade im Bogen ausgesetzt. So wird ein großes Gebiet eingekreist, bis das Schiff wieder die verankerte Boje erreicht. Anschließend wird das Netz eingeholt.

 

Der gefangene Fisch wird dabei lebend in den Hafen transportiert. Der mittschiffs liegende Laderaum Bjørnsunds ist daher durch Löcher in den Planken permanent von Meerwasser durchspült.


1977 - Als Vikefjord auf schwedischen Hering

In den sechziger und siebziger Jahren wechselt Bjørnsund unter dänischer Flagge mehrmals den Besitzer. 1968 erhält sie erstmals den Namen Bjørnsund, wird in der Folgezeit aber nochmals umbenannt: 1977 geht sie als Vikefjord (Bezeichnung LL 425) in schwedische Hände und wird zwei Jahre lang in der Heringsfischerei eingesetzt.

1979 - Bjørnsund und der Umbau zum Fahrtenschiff

 Im Jahr 1979 übernehmen die Schweden Björn Wetterlund und Per Ekstrand den fünfzig Jahre alten Fischkutter und geben ihm wieder den Namen Bjørnsund.

 

In Göteborg führen sie in den kommenden Jahren eine umfangreiche Restaurierung durch und bauen Bjørnsund für Freizeit- und Gästefahrten aus. Der Fischraum weicht einem Salon; der Originalmotor von 1929 - ein  2-Zylinder Tuxham - wird ausgetauscht; bis 1989 sind der Maschinenraum und große Teile des Decks sowie die Aufbauten erneuert; 1992 werden 100 Meter Planken gewechselt und der gesamte Rumpf überarbeitet; Bjørnsund erhält ein neues Ruder.

1995 schließlich überarbeiten Wetterlund und Ekstrand auch das Rigg, ein bis dahin auf einfaches Handling ausgelegtes Arbeitsrigg. Nun wird ein Segelplan gezeichnet, der nicht nur optisch schöner mit der Rumpfform harmoniert, sondern auch weitaus bessere Segeleigenschaften aufweist.


2006 - Karlskrona

Im Jahr 2006 wird Bjørnsund an die Saltö Skuta GmbH um Per-Inge Lindqvist verkauft, Karlskrona wird ihr neuer Heimathafen.

 

Sechs Segelenthusiasten setzen sich von nun an sowohl für die Instandhaltung der alten Dame, als auch für die Vermittlung der traditionellen Seemannschaft ein. Nach einem Schaden, der während eines Sturms durch einen Ponton verursacht wurde, wird in der Ekenäs Werft in Kalmar fast eine gesamte Seite Planken getauscht. Lindqvist lässt zudem den Motoreinbau überprüfen und die Ruderanlage überarbeiten.

 

Bjørnsund segelt in dieser Zeit Gästefahrten mit Privatpersonen und Unternehmensgruppen insbesondere aus Südschweden, und nimmt an der Rostocker Hanse Sail teil. Vor allem aber dürfen Menschen mit geistiger Behinderung auf dem Schiff „die Düfte und Winde des Meeres“ erleben.


2013 - Von Südschweden in den Strelasund

 Mit der Idee, naturnahe Segeltouren in und um den Barther Bodden anzubieten, kauft der Berliner Olaf Tober Bjørnsund im Jahr 2013 und überführt sie nach Stralsund.

Im März 2014 kommt es allerdings zu einem Brand an Bord, ausgelöst durch einen Defekt in der Heizungsanlage. Noch im selben Monat wird der Rumpf in der Volkswerft Stralsund wieder aufgebaut, zur Instandsetzung des Innenausbaus bringt Ole das Schiff in die Greifswalder Museumswerft. Hier tummeln sich schon seit langem viele Haikutter, wie Hanne Marie, Nordwind, Phoenix, Iona, Lene und Victor Jara, weshalb der Greifswalder Hafen und die Selbsthilfewerft auch liebevoll als „Haikutter-Komptetenzzentrum“ bezeichnet werden. Im November 2016 wird Bjørnsund in den Verein des Museumshafens aufgenommen und findet in Greifswald ihren Heimathafen.

2018 - Eignerwechsel in Greifswald

Der in Greifswald ansässige Segelmacher Sebastian Hentschel übernimmt Bjørnsund im Frühjahr 2018 und gründet Bjørnsund Segeln, um sich seinen Traum von einer segelnden Segelmacher-plattform und -werkstatt zu erfüllen. Was wir mit dem Traditionsschiff alles vorhaben, sobald es wieder im Wasser liegt, lest ihr hier.

 

Als wir im Herbst 2018 mit den Restaurierungsarbeiten beginnen wird schnell klar: Trotz dauernder Instandhaltungsmaßnahmen hat der Zahn der Zeit großzügig an dem 90-jährigen Schiffsrumpf genagt. Insbesondere im Übergang vom Ballastbeton zu den Spanten, eine Schwachstelle vieler Haikutter, ist das Holz stark angegangen; viele Planken sind durch mehrfaches Ausproppen instabil; das Heck hat sich abgesenkt und den Rumpf insgesamt verzogen.

 

Bis zum Sommer 2019 sind auf dem Gelände der Greifswalder Museumswerft der gesamte Ballastbeton mitsamt der vormaligen Inneneinrichtung entfernt; etwa 2/3 der Spanten und der Planken, sowie die Kimm- und Balkweger und das Kielschwein ersetzt; der Motor generalüberholt; der Vorsteven fast gänzlich erneuert; das Deck abgebrochen. Nun stehen die Erneuerung des Achterstevens, des Heckbereiches und der Decksbalken an. Mehr dazu bald im Bautagebuch.